GEDANKEN ZUR „WOCHE FÜR DAS LEBEN “ UND APG 2,14.22B-33; JOH 21,1-14

Gedanken zur „Woche für das Leben “ und Apg 2,14.22b-33; Joh 21,1-14

„Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive“, so ist die diesjährige „Woche für das Leben“ überschrieben. Dieses Thema ergab sich aus dem Nachdenken darüber, wie vor allem die Generation Z, die durch die Coronapandemie geprägt wurde, ihre Zukunft sieht. Von ihr wurde der Begriff geprägt: „The Great Resignation“, die große Resignation.

  • Mitten in der Pandemie kündigten Menschen in Massen freiwillig ihre Jobs, in Deutschland jeder zehnte, jeder vierte sogar ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Der größte Motor dieser Entwicklung war die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz, mit dem Führungsverhalten, vor allem mit der Work-Life-Balance, der Arbeits-Vergnügens-Balance. Wenn ich ohnehin nicht weiß, was morgen sein wird, warum soll ich dann nicht zumindest heute das machen, was ich wirklich will?

Es ist eine Generation, die im übervollen Supermarkt verhungert. Diese jungen Menschen haben so viel an Möglichkeiten, dass sie nicht wissen, wie und was sie wählen sollen.

  • Es gibt aber auch die anderen jungen Leute, für die der Supermarkt alles andere als voll ist, die am Rande stehen, die keine Perspektiven mehr sehen, die es verlernt haben, sich die Frage zu stellen, was sie wollen.

Während nun bei den einen die äußere Unsicherheit zum Anlass wird, den eigenen Werten und Prioritäten nachzuspüren und nach Wegen zu suchen, fühlen sich andere wie gelähmt, weil sie entweder die Fülle der Möglichkeiten erschlägt oder weil sie den Eindruck haben, von allen Möglichkeiten abgeschnitten zu sein.

  • Wo Menschen, vor allem junge Menschen, sich in solchen Situationen befinden, da herrscht Redebedarf. Hier gilt es, auf die inneren Regungen zu achten und unterscheiden zu lernen, was zu mehr Leben führt. Mehr Leben, das heißt, wo Begeisterung und ein persönliches Angesprochensein spürbar werden, wo die Lust wächst, sich einzusetzen und so etwas wie Berufung erahnbar werden kann.

Hier kann und soll der Glaube eine zentrale Rolle spielen und wo sich Jugendliche auf dieses Feld einlassen, bekommen sie ein festes Standbein in all diesen Auseinandersetzungen.

 

Wenn wir vor diesem Hintergrund das gehörte Evangelium sprechen lassen, lassen sich die Ausgangssituationen durchaus vergleichen.

  • Wir finden hier die Jünger Jesu am See von Galiläa. Einst hatte sie Jesus von dort weggeholt. Sie ließen ihre Netze liegen und folgten ihm. Ein bewegtes Leben wurde es an seiner Seite. Dann die furchtbare Katastrophe in Jerusalem, die Kreuzigung Jesu. Die Jünger kehren an ihre alte Stelle zurück, niedergeschlagen. Zuvor wurden sie von Jesus als Menschenfischer tituliert, jetzt sind sie wieder einfache Fischer. Selbst ihren gewohnten Beruf scheinen sie verlernt zu haben, denn sie fischen nichts, – des nachts, wo der Erfolg eigentlich garantiert ist.

„The Great Resignation“, die große Resignation könnte man auch hier sagen.

  • Selbst als sie an Land kommen und dort einen Fremden vorfinden mit der Frage: „Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen?“ müssen sie mit einem klaren „Nein“ antworten. Die Frage zielte nicht nur auf das Essen, sondern wesentlicher: „Habt ihr nichts Schmackhaftes im Leben? Nichts, was euch Sinn gibt? Wofür sich all die Mühe lohnt? Die Antwort ein glattes „Nein“. Der Frust muss schon tief sitzen, wenn man mit der Antwort nicht einmal ausweicht oder beschönigend antwortet.

In dieser resignativen Situation ergreift nun der Fremde am Ufer als Gesprächspartner das Wort mit einem Ratschlag, der zunächst für erfahrene Fischer kaum einsichtig ist, bei Tage noch einmal hinauszufahren, um zu fischen, denn eine alte Fischerweisheit lässt nur des nachts erfolgreich fischen. Aber so eine afrikanische Weisheit: „Das Wort, das dir weiterhilft, kannst du dir nicht selbst geben.“

  • Das ist jetzt sicher die Stärke der Jünger, dass sie hinhören. Auf der anderen Seite sollen sie das Netz auswerfen, sie sollen umdenken. Das Ergebnis ist überwältigend. Dabei wird ihnen aber eine Brüstung mit dem Erfolg entzogen, indem der Fremde schon ein Essen am Ufer vorbereitet hat, sie einlädt und sie lediglich bittet, etwas vom Fischfang beizusteuern.

Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen in dieser Situation ihre vorherige Lebeweise mit Jesus wieder. Vor allem der Lieblingsjünger ist schnell bei der Sache. Er hatte am tiefsten die Lebensweise Jesu in sich eindringen lassen. „Es ist der Herr!“ Dieses Wissen nützt jetzt Petrus. Er zieht das Netz an Land und zusammen bilden sie eine neue werdende Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt und nährt.

  • Nicht anders könnte es gehen mit der Generation Z, bevor sie ratlos und/oder überfordert resigniert. Es wird das Angebot eines Gespräches nötig sein, das ihnen hilft. Es wird die Spiritualität einer gelungenen Gemeinschaft sein, die ihnen hilft, die Talsohle zu durchschreiten. Für junge Menschen, die mit dem Smartphone aufwachsen und es gewohnt sind, buchstäblich rund um die Uhr online zu sein, die gleichzeitig lernen, Musik hören, ein Video anschauen und mit Freunden chatten, sind Gespräche über ihre Probleme oft eine fremde Welt. Dennoch ist es notwendig, ihre inneren Ängste und Hoffnungen wahrzunehmen und im Gespräch derjenige zu sein, der sie ermutigt, ihre Frustrationen und Hoffnungen benennen zu können.

 

Unser Evangelium hat auch noch einen historischen Hintergrund. Es wurde wahrscheinlich in Ephesus geschrieben, einer Stadt mit mehreren Kulturen. Die sieben genannten Jünger stehen für verschiedene Richtungen in der Kirche damals. Die zwei namenlosen Jünger in diesem Evangelium sind als Platzhalter für andere zu verstehen.

» Dadurch, dass sich alle am Feuer treffen,

» im Geiste Jesu Abendmahl, Eucharistie feierten, – dafür steh das Brot;

» dadurch, dass sie um ein Feuer sitzen, – das an die eigenen Schwächen, an den Verrat des Petrus erinnert;

» dadurch, dass trotz der Menge von 153 Fischen, – diese Zahl steht für die damals bekannten Arten von Fischen, also für alle bekannten Nationen, die Netze nicht zerrissen,

ist ein starkes Zeichen der Einheit gesetzt. Es spielte keine Rolle, ob einer wie Petrus ein Draufgänger war, ob einer wie Johannes auf die Liebe setzte, ob einer wie Thomas alles hinterfragte, ob Menschen wie die Donnersöhne, die Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel waren, ob einer wie Nathanael, ein aufrechter Israelit war, das Netz zerriss nicht und ermöglichte eine geschwisterliche Kirche.

 

Jesus wird dort nicht erkannt, bis heute, wo wir ihn nicht als Auferstandenen wahrnehmen, sondern als Toten. So erging es den Jüngern, bis es ihnen wie Schuppen von den Augen fiel und sie ihn als Lebenden unter sich begriffen.

„Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive“, so das Motto für die „Woche für das Leben“. Wo anders gewinnen wir Sinn, wenn nicht in der Gemeinschaft verschiedenster Möglichkeiten und Anschauungen, die im Geist der Geschwisterlichkeit und gegenseitiger Ermutigung gelebt werden?

 

Franz Nagler, Pfarrer

„Kirche träumen“

„Kirche träumen“

so lautete der Titel der diesjährigen Bibelwoche zur Apostelgeschichte. Dazu: Apg 27,13-38.44c

Die Apostelgeschichte steht in der Bibel am Scharnier zwischen den Evangelien und den Paulusbriefen. Sie zeichnet den Weg der beginnenden Kirche nach, ein spannender Weg.
• Am Beginn dieser Erzählung verabschiedet sich Jesus durch die Himmelfahrt und die Apostel schauen entgeistert in den Himmel und wissen nicht so recht, was sie jetzt tun sollen? Bis an die Grenzen der Erde sollen sie die Botschaft Jesu tragen, so der Auftrag. Aber wie? Zuversicht, Unverständnis, Zweifel erfasste die Apostel.
• Dann ziehen sie sich in das Obergemach zurück, wo sie mit Jesus das letzte Abendmahl gefeiert hatten, beladen mit dieser Bürde, zurückgelassen worden zu sein.
• Dann ein erster Schritt: Sie wählen einen Nachfolger für Judas. Die Wahl, – das Los fiel auf Matthias. Sie rappeln sich auf, um in die Zukunft zu schauen. Das Grab des Matthias ist übrigens in Trier.
• Die überraschende Wende ereignete sich an Pfingsten, dem jüdischen Erntedankfest, dem Fest der Tora. Der Geist Jesu ergreift sie und katapultiert sie in die Öffentlichkeit. Petrus ergreift das Wort und spricht voll Selbstbewusstsein von Jesus, vom Verbrechen an Jesus und dass ihn Gott von den Toten erweckte. Es muss für die Zuhörer unglaublich gewesen sein, zu hören, dass der grausame Verbrechertod Jesu die Initiation für einen neuen Weg werden sollte.
• Gleich dreitausend Menschen ließen sich nach dieser Rede des Petrus taufen. Sie waren mitten ins Herz getroffen.
• Es bilden sich eine, mehrere Gemeinschaften, die an der Lehre der Apostel festhielten, die das Brot Jesu miteinander teilten, die alles teilten, so dass keiner Not litt. Sie versammelten sich einmütig im Tempel und waren beim ganzen Volk beliebt. Sie hatten viel bekommen, jetzt trugen sie viel dazu bei, dass diese Fülle weitergegeben wurde.
• Gold und Silber hatten die Apostel nicht, aber Mitmenschlichkeit, Zuwendung zu den Gebrechlichen und die Erfahrung, dass gelebtes Reich Gottes möglich ist. Wie wir in einem Lied heute singen, das war ihre Anfangserfahrung: Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz, hörten wie Stumme sprachen.
• Natürlich fehlten Verhaftungen nicht. Ihre Verteidigung war immer dieselbe: Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde. Er wurde zum Eckstein.
Ihnen wurde verboten, weiter von Jesus zu sprechen. Die Antwort: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ Keine Frage: der Geist Jesu wirkte mächtig in ihnen. Es geschahen Zeichen und Wunder.
• Als sie wieder angegriffen wurden, die Verteidigungsrede Petri: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (5,29) Weder Lob noch Furcht konnte die Apostel aufhalten.
• Es wurden sieben Diakone gewählt, unter ihnen Stephanus, der erste Märtyrer des neuen Weges, wie die Christen zunächst genannt wurden. Die nun einsetzende Verfolgung wurde dann zum Samen der neuen Bewegung. Das Wort Jesu gelangte nach Judäa und Samarien. Petrus taufte als Erster sogenannte Heiden. In Antiochien wurden die Anhänger des neuen Weges zum ersten Mal Christen genannt. Die Grenze der jüdischen Religion wurde überschritten.
• Dann das Damaskuserlebnis des Paulus: Vom rasenden Verfolger zum glühenden Bekenner Jesu.
• Es herrschte bald dicke Luft in der wachsenden Bewegung. Darf die Botschaft Jesu auch Unbeschnittenen verkündet werden? Müssen nicht zuerst alle Juden durch Beschneidung werden? Man raufte sich auf dem sogenannten Apostelkonzil zusammen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus genügt, nur sollte man gewisse Bräuche beachten und nicht alle vor den Kopf stoßen.
• Unterdessen zieht es Paulus mit seiner neu gewonnenen Erfahrung, dass Jesus der Messias ist, in die Welt hinaus. Drei Missionsreisen sind bekannt. Er gründete viele Gemeinden, hält Kommunikation mit ihnen, schreibt Briefe, erleidet Gefahren, aber blieb unermüdlich auf dem Weg.
Ein Mazedonier lockt ihn nach Europa, die Purpurhändlerin Lydia empfängt ihn. Sein Credo: „Der Mensch findet nicht Rettung durch die Einhaltung von Gesetzen, sondern durch sein Vertrauen in Gott, durch seinen Glauben.“
Sein Weg wie die Apostelgeschichte endet in Rom, bzw. mit einem offenen Ende: „Er blieb zwei volle Jahre in seiner Mietwohnung und empfing alle, die zu ihm kamen. Er verkündete das Reich Gottes und lehrte über Jesus Christus, den Herrn – mit allem Freimut, ungehindert.“ (28,30f.)

Die Apostelgeschichte ist und bleibt die spannende Ursprungsgeschichte unserer Kirche mit dem offenen Ende, dass wir die Geschichte Jesu weiterführen sollen.
Die Lesung, die wir gehört haben, stammt aus dem vorletzten Kapitel der Apostelgeschichte. Paulus ist als Gefangener auf dem Weg nach Rom. Die Bilder, mit denen dieser Bericht arbeitet, kann fast eins zu eins auf unsere heutige Situation übertragen werden. Paulus befindet sich auf einem Schiff. Ein gewaltiger Orkan droht das Schiff zu kentern, das Ende ist in Sicht. Da das Schiff von der herrschenden Strömung mitgerissen wurde, gab die Mannschaft auf und ließ sich treiben. Immerhin wurde etwas der kostbaren Ladung über Bord geworfen, aber es zeigte sich weder Sonne noch Sterne, sodass jede Hoffnung schwand.

Sieht nicht mancher heute auch das Schiff der Kirche, der Kirchen so? Zahlen, Daten, Fakten, tendenziöse Presseartikel, wenn man die Sicht auf Deutschland beschränkt, sprechen eine solche Sprache.
In unserem Bericht steht Paulus auf und spricht der Besatzung Mut zu. Er gründet die Kraft seiner Worte in einer Anrede durch Gott, dass sie gerettet sind und werden. Natürlich versuchen sich einige auf eigene Faust gegen die Anderen zu retten. Paulus widersteht dem, alle oder niemand. Sie kräftigen sich durch ein Mahl, aber werfen das übrige Getreide ins Meer. Jetzt gibt es nur noch ein „nach vorne“; – und alle kamen an Land und wurden gerettet.
Welch ein Bild: Ein Einzelner hatte den Mut hinzustehen und benannte auch die Wurzel seines Verhaltens. Muss man dies nicht all den Wankelmütigen in den eigenen Reihen zurufen? Dann handelte Paulus solidarisch, empathisch und stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Muss nicht auch dies all den Individualisten oder auch Egoisten unter uns gesagt werden?
Das Handeln von Paulus wurzelt in seiner lebendigen Gottesbeziehung. Wohl erst aus ähnlichen Erfahrungen werden auch wir heute fähig, Ballast abzuwerfen, um aus authentischen Gotteserfahrungen heraus, die Geschichte der Botschaft Jesu, als seine Kirche, weiterzuführen.

Franz Nagler, Pfarrer

Gedanken zu Mt 2,1-12

Gedanken zu Mt 2,1-12

Sie kennen die Sprüche aus unserer Zeit: „Der Weg ist das Ziel“, dieser Spruch wird zwar auf Konfuzius zurückgeführt, aber dort lautet er etwas anders. Konfuzius sagte: „Der Gelehrte richtet seinen Willen auf den Weg.“ Damit ist nicht der Weg als das Ziel gemeint, sondern, dass man auf seinen Weg, hin auf das Ziel, achten soll und das war für Konfuzius ein Leben nach den Idealen der Ethik, Tugend und Treue. Dies wird bei der Bedeutung des heutigen Festes eine Rolle spielen, denn um ihr Ziel zu erreichen, mussten die Sterndeuter gut auf ihren Weg achten, wenn er nicht im Palast des Herodes enden und sein Ziel verfehlen sollte. Das andere Sprichwort unserer Tage heißt: „Neue Wege entstehen beim Gehen.“
Bei beiden so beliebten Sprüchen: „Der Weg ist das Ziel“ wie „Neue Wege entstehen beim Gehen“ fällt auf, dass sie buchstäblich das Ziel aus den Augen verloren haben. Dies ist typisch für die Verlorenheit unserer Zeit. Wenn es kein Ziel mehr zu erreichen gibt, versucht man pragmatisch alles auf dem Weg, losgelöst von Ethik und Tugend zu lösen, um dann buchstäblich irgendwann unter die Räder zu kommen, weil der Sinn und die Tiefe in allem verloren gegangen ist. Alles, was keinen Nutzen bringt, wird plötzlich zu einem Übel, das beseitigt werden muss.

Dem heutigen Fest liegt eine völlig andere Grundhaltung zugrunde. Die Sterndeuter haben ein klares Ziel, das sie erreichen wollen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“
Um dieses Ziel zu erreichen, machten sie sich auf ungewohnte Wege. Sie kannten weder den Ort, wo sie suchen, noch was sie genau finden würden. Aber der Antrieb in ihnen muss wohl sehr mächtig gewesen sein, dass sie sich auf solch ungewissen Weg einließen. Nelly Sachs trifft in ihrem Gedicht: Sehnsucht, den Kern:

„Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf.
Fing nicht auch Deine Menschwerdung,
Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen, und lass sie damit enden,
Dich gefunden zu haben.“

Dies beschreibt sehr gut die Motivation der Sterndeuter. Die Lesung beschrieb die Situation in den Ländern so: „Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der HERR auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz.“

Dieser Vision scheinen die Sterndeuter gefolgt zu sein. Denn, wer sitzen bleibt, wenn eine Sehnsucht ihn lockt, wird niemals finden. Wer aber der Sehnsucht seines Herzens folgt, der findet, der kann aber bald auch in gewaltige Auseinandersetzungen kommen, wie den Sterndeutern dann auch geschehen.

Das Erstaunliche bleibt dennoch die Fokussierung auf Jerusalem, bzw. auf Betlehem. Warum nicht Rom oder ein anderes bedeutendes Land oder eine andere bedeutende Stadt? Die Römer, die Griechen, die Perser – alle hatten einen reich ausgeschmückten Götterhimmel. Warum gerade die Fokussierung auf das jüdische Volk und speziell auf Jesus?
Die Antwort liegt wohl in der Auserwählung des jüdischen Volkes durch Gott Jahwe, diese innige Beziehung, die durch den Bund mit Jahwe bestand sowie die Bezeichnung von Jesus als dem Messias, als dem von Gott Erwählten und Gesalbten. Es war das Ziel der Sterndeuter, diesen Messias zu finden.
Der Weg führte sie natürlich zunächst zur Hauptstadt nach Jerusalem und zu Herodes. Doch ihr Erstaunen war groß, als sie sahen, dass ihre Sehnsucht nicht geteilt wurde. Im Gegenteil, ein großer Schrecken erfasste den Machtapparat des Herodes. Auch die Schriftgelehrten unterstellten sich dem Machtapparat des Herodes, – hatten wohl ihre Sehnsucht im Herzen schon lange abgetötet. So interpretierten sie die Schrift zwar richtig: „Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel“, aber sie zogen keine Konsequenzen daraus, bzw. stellten ihr Wissen einem Tyrannen zur Verfügung.
Herodes schlüpfte nun in die Rolle des Frömmelnden und später in die Rolle des Zornigen, der ihn zum Kindermörder werden ließ.
Die Sterndeuter fielen nun nicht in die Falle, dass der Weg das Ziel wäre, oder dass neue Wege beim Gehen entstünden, sie hielten am Ziel ihrer Sehnsucht, am Stern ihrer Sehnsucht fest und zogen weiter. Sie erlagen nicht der vermeintlichen Ehre, am königlichen Hof geehrt werden zu wollen. Sie fanden das Ziel ihrer Sehnsucht in dem Kind im Stall und huldigten ihm. Die innere Resonanz: große Freude, die Konsequenz: Hingabe! „Sie fielen nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.“

Gold, Weihrauch und Myrrhe, erstaunliche Gaben, die aber deutlich machen, worin die Sterndeuter die Erfüllung ihrer Sehnsucht sahen. Sie waren nicht blauäugig unterwegs. Die Gaben schließen eine Suche nach Macht und Reichtum aus. Deswegen durchschauten sie auch die List des Herodes.
Gold steht für die königliche Würde des Menschen, Weihrauch für seine Gottesbeziehung, Myrrhe für die Sterblichkeit. Mit diesen Gaben legten sie ein Bekenntnis zu einem Gott ab, der nicht in Tempeln und Götterbildern geehrt wird, sondern vor einem menschgewordenen Gott, in einem erbärmlichen Stall geboren, einem Menschen mit einer Gottesbeziehung, die enger nicht sein konnte und letztlich einem Gott, der am Kreuz starb, weil er sich zuinnerst mit dem Leiden der Menschen solidarisierte. In „dem Gefunden haben“ so eines Gottes sahen sie sich am Ziel ihrer Sehnsucht, ihrer Gottessuche. Die Begegnung hat sie dann verändert. Obwohl sie als Sterndeuter mit Zahlen und Berechnungen umgehen konnten, hörten sie auf einen Traum, sahen die Wirklichkeit des menschlichen Lebens hinter den Zahlen und kehrten auf einem anderen Weg heim in ihr Land. Aus Suchenden wurden Gefundene. Ihre alten Ängste und vermeintlichen Verbindlichkeiten hatten ihre Macht, ihre Wege zu bestimmen, verloren.

Nelly Sachs hatte recht mit ihrer Frage und ihren Worten:

Fing nicht auch Deine Menschwerdung,
Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
Dich zu suchen, und lass sie damit enden,
Dich gefunden zu haben.

Dies gelang den Sterndeutern. Wie sieht dies bei uns aus? Als Stern, der uns vorangeht, haben wir das Evangelium, die ganze Heilige Schrift.
Franz Nagler, Pfarrer

Gedanken zu Lk 21,5-19

Gedanken zu Lk 21,5-19

 

„Ihr werdet das Leben gewinnen“, so endete unser Evangelium: „Ihr werdet das Leben gewinnen.“ Ein gewagter Satz nach der Beschreibung all der Kriege, Nöte, Untergangsszenarien, die zuvor im Evangelium selbst geschildert werden.

 

Solche Sätze müssen vor dem Hintergrund derzeitiger Kriege auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht werden, – vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, zerstörter Städte, mit denen zuvor noch wirtschaftlich gut zusammengearbeitet wurde, von Massengräbern, in denen Menschen liegen, die zuvor noch Einkaufsbummel machten, Gefangenenlager, wo gefoltert wird, tausender Toter, die zuvor noch friedlich ihre Einkäufe machten und in ihren Familien lebten. „Ihr werdet das Leben gewinnen“, ein gewagter Satz.

 

Vor kurzem erhielt der Ukrainer Serhij Zhadan den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner Dankesrede sagte er bedeutsame Worte zu unserer Thematik. Er fragte: „Warum werden die Ukrainer so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggressionen die Waffen niederlegt. Die Zivilbevölkerung in Butscha und anderen Orten hatte überhaupt keine Waffen, was die Menschen nicht vor einem furchtbaren Tod bewahrt hat.

Wenn wir jetzt, im Angesicht dieses blutigen, dramatischen Krieges, über Frieden sprechen, wollen einige eine simple Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen: Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Und wenn manche Europäer den Ukrainern ihre Weigerung, sich zu ergeben, fast schon als Ausdruck von Militarismus anlasten, tun sie etwas Merkwürdiges. Beim Versuch, in ihrer Komfortzone zu bleiben, überschreiten sie umstandslos die Grenzen der Ethik. Appelle an Menschen zu richten, die ihr Leben verteidigen, ist für den einen oder anderen eine ziemlich bequeme Form, die Verantwortung abzuschieben. Vielleicht müssten die Europäer weniger Geld für Energie ausgeben, wenn die Ukrainer kapitulierten, aber wie würden sich die Menschen in Europa fühlen, wenn sie sich bewusst machen, dass sie ihr warmes Zuhause mit vernichteten Existenzen und zerstörten Häusern erkauft haben, die auch in einem friedlichen und ruhigen Land leben wollten.“

Man muss dieser Meinung nicht in allem zustimmen, aber eines wird deutlich, dass es auf unsere Erde immer Auseinandersetzungen um Besitz, Karrieren, Macht oder niedrigste Instinkte geben wird.

Der Vorsatz zu unserem zitierten Satz „Ihr werdet das Leben gewinnen“, lautet: „wenn ihr standhaft bleibt.“ Wen die Auseinandersetzungen in der Welt gleichgültig lassen, wer nur sein Schäfchen ins Trockene bringen möchte, wird das Leben nicht gewinnen. Wie wir auf die Auseinandersetzungen reagieren, ist eine andere Frage. Darauf können die Antworten auch sehr verschieden sein, aber Antworten müssen gegeben werden oder in Auseinandersetzungen erst gewonnen werden.

Den Anhängern Jesu werden hier erschreckende Bilder auf den Weg gegeben, Bilder, die dann in der Christenverfolgung Wirklichkeit wurden. „Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namens willen. …  Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten.“

Angesicht eines solchen Szenarios ist man schnell dabei, – und wird dabei auch das Verständnis seiner Umgebung gewinnen können, die Waffen zu strecken, um des lieben Friedens willen, sei es des eigenen Friedens, sei es des Friedens generell.

Aber nur wer standhaft bleibt, wird das Leben gewinnen. Dieses Standhaftbleiben, meint keineswegs selber zu Waffen greifen zu müssen. Es bedeutet vielmehr, seine gewonnene Überzeugung zu leben. So wird man das Leben gewinnen. In der Nachfolge Jesu heißt dies immer auch bereit sein, sein Leben aufs Spiel zu setzen, anstatt andere zu vernichten. Dies ist dann die spezifisch jesuanische Ethik, die allerdings weit entfernt von einer Ratschlagskultur aus dem friedlichen Nest heraus ist, die im Gegenteil aktiven Einsatz an kritischen Orten verlangt, denn genau das tat Jesus. Er ging nach Jerusalem in die Höhle des Löwen, um auch dort zu seinem Leben zu stehen.

 

Als Jesus die Worte dieses Evangeliums sprach, stand er inmitten des herrlichen Tempels von Jerusalem. Unter diesem Dach sprach er die gehörten Worte: „Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird.“ Eine gewagte Rede, denn der Tempel galt als Garant der jüdischen Bevölkerung und ihres Glaubens.

Die Standhaftigkeit an sich ist Gewinn von Leben, Passivität hat schon immer das Leben verloren.

Vor gar nicht so langer Zeit hatte der US-amerikanische Politwissenschaftler Francis Fukuyama, nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, ein Buch mit dem Titel: „Das Ende der Geschichte“ veröffentlicht. Darin meinte er: Das nunmehr siegreiche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sei offenkundig das Beste. Etwas prinzipiell Neues sei nicht mehr zu erwarten, auch gar nicht zu wünschen.

 

Da ist das heutige Evangelium mit seinem Schreckensszenario doch etwas näher an der Realität dran.

Die Aussage und Ermunterung Jesu: „Ihr werdet leben“ hatte natürlich sein unhinterfragtes Vertrauen in Gott, als dem Herrn der Welt. Wenn die Herren dieser Welt gehen müssen, wenn Kriege Leben und Städte zerstört haben, steht nicht der Untergang bevor, sondern die Begegnung mit dem Herrn der Welt selbst. Am oder im Ende steht nicht Zusammenbruch, sondern Begegnung.

So endete auch die gehörte Lesung: „Für euch aber, die ihr meinen Namen ehrt, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung.“

 

Im Letzten kommt es auf unser Leben an. Es ist entscheidend, ob wir es gegen das Leben lebten, indem wir es hinter Karriere, Leistung, Reichtum, Egoismen versteckten oder inwiefern wir zu unserer Berufung fanden und diese mit aller Lebendigkeit lebten, nicht nur auf uns selbst bezogen, sondern im Fadenkreuz der ganzen Welt. „Für euch, die ihr meinen Namen ehrt, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung.“

 

Franz Nagler, Pfarrer

GEDANKEN ZU LK 11-19

Hans Magnus Enzensberger schrieb ein Gedicht mit dem Titel: „Empfänger unbekannt“. Darin zählt er auf, was ihn dankbar sein lässt:

„Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux. …
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.“

Für all das dankt er, aber der Empfänger des Dankes ist ihm abhandengekommen. Und tatsächlich, danken kann nicht jeder. Kindern wird oft gesagt: „danke“ für ein Geschenk zu sagen, – das geht noch, aber, wenn´s ums Ganze geht, um unser Leben, um Vertrauen, um Liebe, Vergebung – wem da danken? Wenn man aber für das Leben nicht mehr danken kann, dann verflacht es. Wie soll man sagen: Ist halt so? Oder Glück gehabt? Auf dieser Ebene läuft vieles ab.
Wie ist es jedoch, wenn wir gegenüber dem ganz „Anderen“ Gott, danke sagen können. Gewinnt da das Leben nicht eine ganz andere Tiefe und Schönheit?

Damit sind wir mittendrin im soeben gehörten Evangelium. Jesus befindet sich in einem Grenzgebiet, zwischen Samarien und Galiläa. Es geht in dieser Begebenheit um eine Grenzerfahrung, wie etwas so ganz anders verlaufen kann. In diesem Grenzgebiet kommen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie scheinen ihn gekannt zu haben, denn schon aus der Ferne schreien sie: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Interessant ist noch, dass die Heilung dann nicht an Ort und Stelle geschieht. Sie müssen sich auf den Weg machen. Sich auf den Weg machen bedeutet immer auch Zeit zum Nachdenken zu haben. Denken Sie nur an die vielen Wallfahrten, die ja oft unternommen werden, um aus der Hektik herauszukommen und gehend zur Besinnung zu kommen. Auf diesem Weg gesunden alle zehn.

Neun von ihnen sind einfach mit heiler Haut davongekommen, aber einem ging die Heilung unter die Haut, ausgerechnet einem Außenseiter, einem Samaritaner. Die anderen neun hatten bekommen, was sie suchten. So schnell wie möglich wollten sie sich wieder in ihr altes Umfeld einfügen.
Eigentlich hätte an dieser Stelle die Erzählung enden können. Wenn Lukas hier weitererzählt, dann hat dies seinen Grund. Die neun Geheilten kehrten wieder in ihr altes Leben zurück. Sie hatten bekommen, was sie wollten. Ihr Leben wird sich nicht groß verändert haben. Sie waren froh wieder dazuzugehören.

Zur Zeit des Lukas hatten sich schon einige christliche Gemeinden gegründet und es folgte die Zeit der Konsolidation. Die Anfangsbegeisterung war abgeflacht. Man versuchte sich einzurichten.

Wenn da nicht dieser eine, dieser Samariter, gewesen wäre, der einen ganz anderen Weg ging, der sich so ganz neu von diesem Jesus ansprechen ließ, der nicht einfach wieder dazugehören wollte, der das Wunder begriff, das an ihm geschah. „Er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm.“
Da haben wir wieder dieses Wort: „danke“. Er dankt Gott für das Wunder, das er erfahren hatte. Er hatte eine Adresse, an wen er sich wenden konnte. Kein Empfänger unbekannt, sondern ein Empfänger, der sich ihm als rettender Gott vertraut gemacht hatte.
So ist es nur folgerichtig, wenn Jesus von den neun Geheilten sagt, dass sie rein geworden seien, während er von dem Samariter sagt, dass er gerettet worden sei: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“

An diesem Punkt dürfen wir uns fragen: Ist uns die Anerkennung für die täglichen Wunder verloren gegangen? Das Leben an sich ist uns schließlich geschenkt. Niemand hat sich selbst gemacht und da reicht auch kein Dank an die Eltern, da gilt es dem ganz „Anderen“ zu danken, nicht nur für das Leben, sondern, dass die Nähe zu ihm, immer wieder und neu Heilung bedeutet.
Oder haben wir uns einfach eingewöhnt, ohne das Rettende in unserem Glauben noch wahrnehmen zu können? Oder weitergefragt: Sind wir zufrieden, wenn wir bekommen haben, was wir wollten – die Kommunion, die Firmung, die Lebensmittel vom Tafelladen, den Geburtstagsbesuch usw., aber mehr wollen wir auch nicht?

Lukas hatte auf seine Gemeinden eine scharfe Beobachtungsgabe und so verlängerte er diese Erzählung, um den Samariter als ein Beispiel hinzustellen. Das hatte er schon einmal getan, als er Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählen lässt.

„Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt, der dich dein Leben lang mit Gaben sättigt, wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert“, betet der Psalm 103.

Als der Samariter Gott lobt und Gott dankt, da steht im Text das griechische Wort, das wir alle kennen: „eucharistoon“. Das Wort weist auf das, was wir gerade feiern, auf die Eucharistie, hin. Jeden Sonntag oder Samstag kommen wir zusammen, um Gott zu danken, dem ganz „Anderen“ zu danken, Empfänger nicht unbekannt, bekannt, in dem Maße wie er sich bekannt macht, indem er uns seine heilende Gegenwart schenkt.

„Lasst uns danken, dem Herrn unserem Gott“, beten wir als Eingangsdialog zur
Präfation. Ja, wir haben Grund zu danken. Vielleicht gelingt es Ihnen jeden Tag am Abend zurückzublicken, nicht nur die dunklen Punkte zu sehen, sondern die Lichtblicke wahrzunehmen und Gott dafür zu danken.

Vielleicht ist heute vieles zu komplex geworden, Menschen sehen sich in Zwänge eingespannt und sehen keinen Grund mehr zu danken, wem auch? – dem Chef, der mir den Lohn zahlt, aber den habe ich mir verdient und außerdem ist es zu wenig. Wenn in solchem Rahmen das Leben abläuft, dann wundern die vielen Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht.

Das gehörte Evangelium verweist uns auf einen anderen Weg. Deshalb sind wir auch hier, um nicht wie die Neun einfach in den Alltag zurückzukehren, sondern einfach und schlicht Gott zu danken. Empfänger bekannt.
(FN)

GEDANKEN ZU LK 10,38-42 (GEN 18,1-10A)

Letzten Sonntag hörten wir noch die Stelle vom barmherzigen Samariter mit der Aufforderung: „Geh und handle genauso!“, heute, direkt in Folge dieser Erzählung, die Geschichte der beiden Frauen Maria und Marta mit dem Wort Jesu: „Maria hat den guten Teil gewählt“ und das auf eine Person bezogen, die nichts tat, sondern einfach zu Füßen Jesu seinen Worten lauschte.

Hören und Handeln scheinen bei Jesus zwei gleichgewichtige Rollen zu spielen. Die beiden Erzählungen wurden ja eingeleitet durch die Frage eines Schriftgelehrten nach dem Weg zum ewigen Leben, nach dem wichtigsten Gebot, mit der Aufforderung zur Gottes- und Nächstenliebe.
Die beiden Szenen spielen sich an zwei sehr verschiedenen Orten ab, das eine Mal auf dem Weg beim Unterwegs sein, das zweite Mal in einem Haus, dem Haus der Maria und Marta.

Es hat die Jesusbewegung von Anfang an ausgezeichnet, dass sie sich auf zwei Pfeiler stützte. Auf der einen Seite die Gruppe der bettelarmen Wandergruppe, die mit Jesus unterwegs war, die ihren Besitz und ihre familiären Bindungen aufgegeben hatte. Auf der anderen Seite die Gruppe derer, die sesshaft und eher wohlhabend waren, die die Jesusbewegung unterstützten, ihnen Unterkunft und Verpflegung bereitstellten.
Zu ihnen gehörte sicher das Haus der Marta und Maria, denen hier eine einprägsame Szene gewidmet wird. Marta tritt hier als Hausherrin auf, Maria als Gesprächspartnerin. Beide übernehmen die Aufgaben eines männlichen Hausvorstandes, zwei selbstständige Frauen, die ihr Haus in eigener Regie verwalten. Dies spiegelt wahrscheinlich die tatsächlichen Verhältnisse von damals wider. Ohne den Einsatz und die Unterstützung selbstbewusster Frauen wäre die frühchristliche Mission nicht weit gekommen. Wahrscheinlich wurde das Haus der Marta und Maria nach dem Tod Jesu auch zu einer christlichen Hausgemeinschaft, wo sich die Gemeinde zum Mahl versammelte.

Das Verhalten beider Frauen zeugt von großem Selbstbewusstsein. Der Name Marta bedeutet: „Hausherrin“ und was sie tut, wird mit dem griechischen Wort „Diakonia“ wiedergegeben.
Maria sitzt zu Füßen Jesu, was der Studierhaltung der damaligen Schüler entsprach und nur männlichen Schülern vorbehalten war. Im Verhalten dieser beiden Frauen kommt das selbstbewusste Neue der Jesusbewegung zum Ausdruck.
Dennoch wird das Verhalten dieser beiden Frauen hier unterschiedlich gewichtet, wobei Marta ins Hintertreffen gerät, nicht so sehr, weil Hören wichtiger wäre als Tun, sondern weil sie in dem Sinne übergriffig wird, als sie ihre Schwester Maria vor den Leuten bloßstellt. Sie hätte sie auch persönlich ansprechen können, ihr doch zu helfen, aber sie macht es vorwurfsvoll in aller Öffentlichkeit. Da sieht sich Jesus herausgefordert zu sagen: „Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“
„Sie hat den guten Teil gewählt!“ Was wäre für uns heute der gute Teil? Es steht sicher außer Frage, dass zu unserem Leben sowohl das Lernen als auch das Hinhören und Handeln gehört, aber beide Haltungen bedürfen einer Reflexion.

Viele unsere Kinder können heute nicht mehr hinhören. Sie sind zu abgelenkt, sodass die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit sehr gelitten hat. Auf der anderen Seite gibt es den blinden Aktivismus, der handelt, ohne Hintergrund und Zielvorrichtung zu beachten.
Was aber ist für uns heute der gute Teil? Ein Aphorismus von Eugen Roth lautet:
„Ein Mensch nimmt guten Glaubens an. Er hab´ das Äußerste getan.
Doch leider Gott´s vergisst er nun, auch noch das Innerste zu tun.“

Wir sind in unserer konkreten kirchlichen Situation mit dem Wandel der Pastoralstrukturen in der Gefährdung das Innerste zu vergessen. Wir tun vieles, planen, haben ganze Stabsstellen in den Bischofsämtern geschaffen, zentralisieren die Verwaltungen, stellen Schutz- und Pastoralpläne auf und müssen uns nun fragen: Bleibt da noch Zeit und Kraft für das Innerste? Wenn nicht, so geht alles letztlich mit Volldampf im Leerlauf.

Für uns heute wäre tatsächlich der gute Teil, der Teil der Maria. Alle Aktivität, soll sie heilende Kraft ausstrahlen, will in der Quelle verortet sein. Es geht um ein Handeln, das es nicht nötig hat, nach außen die anderen, die Marias bloßzustellen. Es geht um ein Handeln, das aus der Tiefe der Überzeugungen und des Glaubens seine Motivation und seine Kraft und Energie bekommt. Solches Handeln überzeugt und schafft auch nebenbei Gemeinschaft.

Es war Rainer Maria Rilke, der in seinem Stundenbuch festhielt:
„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte im Wachen:
Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Das ist tiefste Mystik, tiefste Innerlichkeit! Es ist ein Weg so nahe an Gott zu gelangen, dass er an alles Leben verschenkt werden kann.
Darum geht es in dieser Familiengeschichte von Maria und Marta. Während Maria versucht bis an die Grenze des Göttlichen zu gelangen, um dies dann an das Leben verschenken zu können, widmet sich Marta der Aktion, beraubt aber dieser guten Haltung ihren Glanz durch ihre öffentliche Bloßstellung der Maria. Eine Aktivität, die aus der Fülle der Seele heraus handelt, braucht diese Entgleisung nicht.

Wo wir uns wie Rilke bis ans Äußerste in unserem Innersten wagen, da ist Gott dann immer für überraschende Heimsuchungen gut. Das hat Maria, die Mutter Jesu, bei der Verkündigung erfahren, das hat Zachäus, das Evangelium, das unsere Erstkommunionfeiern begleitete, erfahren, als er von Jesus vom Baum herabgerufen wurde. Das haben die Emmausjünger erfahren, als sich plötzlich Jesus dazugesellte und mit ihnen das Brot brach, das haben auch Abraham und Sarah in der Lesung erfahren, als sie in der Mittagssiesta unter Eichen schlummerten und drei Männer vorbeikamen, die dann von ihnen bewirtet wurden. Sie erhielten die Nachricht, dass Sarah noch ein Kind bekommen würde.

Wo Menschen in der Kontemplation bis an die Grenze gehen, da wird Gott als eine Zukunft verheißende Erfahrung wahrgenommen.
Es täte unserer Kirche und uns allen gut, in der Kontemplation bis an diese Grenze zu gehen, um dann den Reichtum der Gotteserfahrung im Handeln an die Menschen verschenken zu können.

Franz Nagler, Pfarrer

GEDANKEN ZU APG 5,27-32.40B-41 UND JOH 21,1-19

„Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit.“ Das klingt so, wie wenn Jugendliche sagen: Ich gehe in die Disco und andere sagen: Wir gehen auch mit. Auf dieser Ebene sind die Jünger Jesu nach den dramatischen Ereignissen der letzten Wochen angekommen. Einst hatte er sie vom ihrem Beruf weggerufen. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen und jetzt kehren sie wieder zu ihren alten Berufen zurück, so, als ob nichts gewesen wäre. Dazu kommt noch der Misserfolg: eine ganze Nacht gefischt und nichts gefangen. Dann noch der Mann am Ufer: Habt ihr einen Fisch zum Essen? Nein, nichts, gar nichts. Frustrierender könnte die Situation nicht sein.

Was hat die Situation gewendet? Nichts anderes als damals, als Jesus sie aufrief mit ihm zu gehen. Hier wieder ein so ungewohntes Wort: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden.“ Gegen ihre eigene Berufserfahrung tun sie es und erfahren eine Überfülle. Der Fang von 153 Fischen, – so groß war die Zahl der damals bekannten Fischarten, – katapultierte sie in eine Fülle hinein, die sie nur von Jesus her kannten, der sagte: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Ob dieser Erkenntnis steckte Petrus sein Obergewand in den Gürtel, um leichter schwimmen zu können, und eilt zu Jesus. Dort erwartete ihn und die anderen ein Kohlenfeuer mit Fisch und Brot und der Aufforderung: „Kommt her und esst!“ Da war der Boden bereitet und sie durchbrachen ihre Traumata und fanden sich wieder in den Fußspuren Jesu.
Das anschließende Gespräch zwischen Jesus und Petrus sollte den neuen Aufbruch noch einmal festigen. Durch die dreimalige Befragung des Petrus wurde auf der einen Seite an die vorherige Geschichte der dreimaligen Verleugnung durch Petrus erinnert, auf der anderen Seite die Verleugnung sowie sonstige Schattenseiten durch die dreimalige Frage: „Liebst du mich“ aufgehoben und der Weg für die Zukunft bereitet.
Interessant an diesem Fragegespräch zwischen Jesus und Petrus ist, dass die beiden ganz verschiedene Worte für „lieben“ verwenden, was leider in der deutschen Übersetzung nicht sichtbar wird. Jesus verwendet bei seiner Frage: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ das griechische Wort: agapein. Wir kennen das Wort von der Agapefeier im Thomashaus. Agape meint jene Liebe, die das Leben gibt, meint das große Ganze, die Liebe als Grundhaltung. Die Antwort des Petrus: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ verwendet ein ganz anderes griechisches Wort für lieben, nämlich philein. Dieses Wort umschreibt die Liebe zwischen Freunden oder Freundinnen.
Eigentlich müsste man übersetzen, dass Jesus fragt: „Petrus liebst du mich?“, und Petrus antwortet: „Ich mag dich schon.“ Dieses Spiel wiederholt sich zweimal, dann geht Jesus auf das Niveau des Petrus und verwendet den Ausdruck des Petrus: philein in seiner dritten Frage, ob er ihn liebe. Das bemerkt Petrus natürlich und wird traurig. Er bemerkt aber auch, dass Jesus von ihm nichts Übermenschliches verlangt. Dies befreit ihn wiederum und er antwortet: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Und Jesus ruft ihn aufs Neue in seine Nachfolge mit dem Auftrag: „Weide meine Schafe!“

Die Begegnung am See wird zu einer Sternstunde nach den dramatischen Ereignissen der Kreuzigung Jesu, der daraufhin folgenden Entmutigung, ja mehr des völligen Verlierens der Orientierung, wie es weitergehen soll.
Der Versuch, nach all den Erfahrungen mit Jesus, wieder in den Alltag zurückzukehren als wäre nichts gewesen, schlägt fehl. Am Ufer, am Land, an der Grenze von See und Land, da erwartet sie wieder der Rufer des Beginns.

Es hätte auch ganz anders ausgehen können. Von Christoph Hein gibt es eine Novelle, in der er das Leben einer Ärztin schildert, deren Ehe in die Brüche ging. Dies schockierte sie so, dass sie niemanden mehr an sich heranlässt. Sie schreibt: „Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzlichen Hülle werde ich krepieren…“ Die Novelle schließt folgendermaßen: „Es geht mir gut. Heute rief Mutter an, und ich versprach bald vorbeizukommen. Mir geht es glänzend, sagte ich ihr… Ich bin ausgeglichen. … Ich habe Pläne. Ich arbeite gerne in der Klinik. … Ich habe einen hervorragenden Frauenarzt, schließlich bin ich Kollegin. Was mir Spaß macht, kann ich mir leisten. Ich bin gesund. Alles, was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Ich wüsste nichts, was mir fehlt. Ich habe es geschafft. Mir geht es gut.“ Und dann steht nur noch das Wort: Ende.

Dieses Leben ist im wahrsten Sinne zu Ende. Nichts mehr zu erwarten. Es läuft alles auf einer langweiligen, mittelmäßigen Temperatur. So hätte es den Jüngern Jesu auch gehen können. Sie wären wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, hätten ihr Auskommen gehabt, sicher mit manchen Misserfolgen, aber das gehört zum Leben. Sie hätten täglich ihre Arbeit verrichtet und wären alt geworden und dann gestorben. Ende. All die Hoffnungen, die Jesus ihn ihnen geschürt hatte, nach einem anderen Leben, nach einem anderen Leben auch für andere, all das wäre zu Ende gewesen. Dagegen hätten sie sich, wie die Frau in dieser Novelle, abgeschottet.
Aus diesem Dilemma hat die Szene hier am Ufer sie herausgeholt.

Wie dieses andere Leben aussah, davon erzählte die gehörte Lesung. Hier finden wir die Jünger Jesu keineswegs bei ihren alten Berufen. Wir finden sie in Jerusalem, die Botschaft Jesu verkündend, so unüberhörbar, dass Jesus zum Stadtgespräch wird und die Autoritäten sich genötigt sehen einzugreifen. Sie bestellen die Jünger Jesu vor den Hohen Rat, verhören sie und verbieten ihnen streng, in Jesu Namen zu lehren. Die Antwort von Seiten der Jünger könnte nicht kompromissloser ausfallen: „Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Und sie beginnen die Geschichte mit Jesus ganz anders zu deuten: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“
Dabei ist auffallend, dass die Jünger zwar das Verbrechen benennen, aber von jeder Strafandrohung oder Rache absehen. Das ist nicht ihr Thema. Ihr Thema ist die Verkündigung des Heilswirkens Jesu.

Die Inhalte der heutigen Botschaft betreffen insofern auch heute noch unser Leben, als es darum geht, die Komfortzonen zu verlassen und ein „Mehr“ des Lebens anzustreben, ein Bekenntnis zur Botschaft Jesu. Es gilt, wie die Jünger, dem Wort Jesu mehr zuzutrauen als unserer Sicht, was möglich oder nicht möglich ist. Dann gilt vielleicht auch das Poem von Marie-Luise Kaschnitz:

Manchmal stehen wir auf. Stehen wir zur Auferstehung auf.
Mitten am Tag. Mit unserem lebendigen Haar.
Mit unserer atmenden Haut.
(FN)

GEDANKEN ZU JES 43,16-21 U. JOH 8,1-11 AM MISEREOR-SONNTAG

Ein düsterer Hintergrund begleitet heute die Lesung. Ein ganzes Volk war in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt worden. „An den Flüssen von Babylon, da saßen wir und weinten.“ Wir kennen diesen Ps 137, vor allem aus dem Disco-Hit „By the river of Babylon“. Sie hatten alles verloren, den Tempel, ihr Land. Da ruft ihnen der Schreiber der Lesung entgegen: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ Vergoldet nicht nostalgisch eure Vergangenheit, hofft, schaut und vertraut darauf, was in der Zukunft möglich ist. Man möchte so, dasselbe der heutigen Welt zurufen.
Im heutigen Evangelium wird eine Person bloßgestellt. Eine Frau, des Ehebruches ertappt, vom Mann ist typischerweise nicht die Rede, wird schonungslos zur Steinigung in die Mitte gestellt.

In islamischen Ländern oder bei uns im Internet kennt man noch „solch grausames in die Mitte gestellt werden“ zur Aburteilung. Doch den Pharisäern geht es hier nicht nur um die Frau. Sie wird hier zum Objekt, zum Mittel, zum Zweck, um Jesus gleich mit zu erledigen: „Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.“ Und tatsächlich heißt es am Ende des Kapitels: „Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel“ (Joh 8,59).
Was tut nun Jesus hier? Er bückt sich und schreibt in den Sand. Er deeskaliert, würde man heute sagen, lässt das Mütchen der Pharisäer abkühlen und erst als sie hartnäckig auf einer Antwort bestehen, reagiert er.

Jesus konnte also, wie es diese Stelle vermuten lässt, schreiben. Wieso schrieb er dann nichts nieder, könnte man weiter fragen. Aber waren es in unserem Evangelium nicht ausgerechnet die Schriftgelehrten, die Pharisäer, die durch ihre niedergeschriebenen Gesetze, menschliches Leben vernichten wollten, die blind waren für das Leben? Hat überhaupt jemand die Todesstrafe verdient, auch wenn es gesetzlich niedergeschrieben ist? Woher nehmen Gesetze überhaupt ihre Legitimation? Müssen sie nicht immer neu hinterfragt werden, ob sie noch dem Leben dienen oder dieses beschädigen, vernichten? Wie viele Gesetze wurden schon in den Sand geschrieben? Wir dürfen da nur an die vielen Corona-Verordnungen denken.
Jesus jedenfalls scheint so gedacht zu haben. Der Evangelist Johannes lässt dann auch Pilatus zur Kreuzigung Jesu entlarvend sagen: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“ (Joh 19,22). „Das Gesetz über den Menschen zu stellen, ist das Wesen der Gotteslästerung“, meinte Simone Weil und der heilige Ambrosius fügte hinzu: „Wo das Erbarmende ist, da ist Gott; wo Härte und Strenge herrschen, mögen vielleicht die Diener Gottes sein, nicht aber Gott.“ Wohl wahr.
Nun, Jesus reagierte hier und drehte den Spieß um: „Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Man kann sich die Szene vorstellen, wie einer nach dem anderen bedröppelt wegging: „Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.“ Dann erst richtet sich Jesus an die Frau, fragt aber nicht nach der Tat, sondern verweist auf das Schuldeingeständnis derer, die sie gerade noch töten wollten: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Da erst weiß sich die Frau ermutigt, zu reden. Jesus ermutigte sie wieder zum Leben, aber meinte, dass sie aufpassen und nicht so weiterleben solle.

Heute ist der Misereor-Sonntag mit dem Motto: „Es geht! Gerecht.“ Im Zentrum dieses Mottos steht der Einsatz für die Rettung des Klimas. Wenn man die Prognosen der Wissenschaftler hört, könnte, müsste die jüngste Generation noch den Kollaps des Klimas erleben, derart, dass die Südhälfte der Erde zur Wüste und die Nordhälfte der Erde von Stürmen und Überschwemmungen heimgesucht wird. Die Flutkatastrophe im Ahrtal war sozusagen nur ein Vorbote. Die Erderwärmung wird den Meeresspiegel steigen lassen und manche Landstriche an den Ufern werden vom Erdboden verschwinden. Angesichts dieser Aussichten kann man den nahezu verzweifelten Wutausbruch von Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel in New York verstehen: „Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit Euren leeren Worten? Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum – wie könnt Ihr es wagen?“

Wenn wir hier auf die Bildebene des Evangeliums gehen, stehen wir als Angeklagte im Zentrum. Die Erde wird uns anklagen, die kommenden Generationen werden uns anklagen.
Hat uns Gott schon aufgeben oder wird er erscheinen und etwas in den Sand schreiben und am Schluss sagen: Ich verurteile euch nicht, aber kehrt um und sündigt nicht mehr?

Es war vor allem Papst Franziskus, der die Anklage der Erde und der kommenden Generationen sehr ernst genommen hat. Er schreibt in der Umwelt-Enzyklika Laudato si`: „Damit neue Leitbilder für den Fortschritt aufkommen, müssen wir „das Modell globaler Entwicklung in eine [andere] Richtung … lenken“, was einschließt, „über den Sinn der Wirtschaft und über ihre Ziele nachzudenken, um Missstände und Verzerrungen zu korrigieren“. … Oft nimmt die wirkliche Lebensqualität der Menschen im Zusammenhang mit einem Wirtschaftswachstum ab, und zwar wegen der Zerstörung der Umwelt, wegen der niedrigen Qualität der eigenen Nahrungsmittel oder durch die Erschöpfung einiger Ressourcen“ (LS 194).
Und in seiner letzten Enzyklika Fratelli tutti, schreibt er: „Ein Einzelner kann einer bedürftigen Person helfen, aber wenn er sich mit anderen verbindet, um gesellschaftliche Prozesse zur Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit für alle ins Leben zu rufen, tritt er in »das Feld der umfassenderen Nächstenliebe, der politischen Nächstenliebe ein«.

Es geht darum, zu einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu gelangen, deren Seele die gesellschaftliche Nächstenliebe ist (FT 180).
Was also würde uns Gott heute in den Sand schreiben?
Im Misereor-Kalender dieses Jahres, jeweils an den Montagen, gibt es viele Tipps, wie nachhaltig das Leben gelebt werden kann.
• Am 7. März wird Papier, auch Toilettenpapier, mit dem Umweltsiegel
„Blauer Engel“ empfohlen.
• Am 11. März wird die Initiative einer Bäckerei erzählt, der ein Brötchen mehr gibt, wenn der Kunde mit dem Fahrrad kommt.
• Am 17. März wird darauf hingewiesen, dass jeder Mensch in Deutschland pro Tag 125 Liter Wasser verbraucht: 36% zum Baden und Duschen; 27% für die Toilettenspülung; 12% zum Händewaschen; der Rest für Geschirr-
spülen, Gartenbewässerung, Autopflege…; nur 5% werden für Essen und Trinken verwendet.
• Am 11. April: Im Jahr 2019 wurden 17% oder 931 Millionen Tonnen der weltweit produzierten Lebensmittel nicht gegessen, sondern entsorgt. In deutschen Haushalten wurden 6 Millionen Tonnen Lebensmittel wegge-
worfen.
Leider hat man zu oft den Eindruck, dass solche Zahlen tatsächlich in den Sand geschrieben sind und schnell vom Winde verweht werden. Gott hat uns nicht abgeschrieben. Er möchte mit uns das Leben lebenswert erhalten. (FN)

GEDANKEN ZU JER 1,4-5.17-19; LK 4,21-30

„Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ Wie ist das und welche Bedeutung hat dies für unser Leben: aus dem Mutterleib schon ausersehen, geheiligt und bestimmt zu sein?

Etty Hillesum, die dasselbe Schicksal wie Anne Frank und Edith Stein erlitt, aus dem Durchgangslager Westerbork in Holland nach Ausschwitz verfrachtet und vergast worden zu sein, hatte sich zuvor freiwillig für den Dienst in der Krankenbaracke Westerbork gemeldet. Ein Untertauchen, das ihr aus dem Freundeskreis angeboten wurde, lehnte sie ausdrücklich mit der Begründung ab, sie wolle das Schicksal ihres Volkes teilen. Sie schrieb zuvor: „Den größten Raubbau an uns treiben wir selbst. Ich finde das Leben schön und fühle mich frei. Der Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir. Ich glaube an Gott und ich glaube an die Menschen, das wage ich ohne Scham zu sagen. Das Leben ist schwer, aber das ist nicht schlimm. Man muss beginnen, sich selbst ernst zu nehmen, und das übrige kommt von selbst.“
Sie änderte ihre Gestimmtheit auch im Lager nicht: „Unter dem Himmel ist man zu Hause. Auf jedem Fleck der Erde ist man zu Hause, wenn man alles mit sich trägt“, meinte sie zu einem Freund.
Woher diese innere Gestimmtheit, dieser Wagemut: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“
Diese innere Gestimmtheit, dieser Wagemut hat demnach seinen Ursprung, seinen Keim im Mutterleib. Es ist keine Frage, dass unsere Fähigkeiten später in der Welt versöhnt für das Leben hinzustehen, aus der Verbundenheit im Leib der Mutter geboren werden. Emotionale Nähe und Liebe am Anfang des Lebens durch die Mutter, die Eltern ermöglichen später einen Stand im Leben, der, soweit wie bei Etty Hillesum, gehen kann, ja der eine ausgesprochene Anforderung später an das Leben stellt, für das Leben, auch anderer Menschen, einzutreten.
Lieblosigkeit dagegen macht krank und verhindert den Ruf der Berufung in das Leben. Dies setzt sich dann später fort und kreiert Menschen, die nicht mehr ihrer Lebensberufung folgen, sondern zu Egoisten oder kranken Menschen werden. Dabei spielt die digitale Kommunikation derzeit eine verhängnisvolle Rolle. Der in Berlin lebende Philosoph Byung-Chul Han meinte unlängst: „Wegen der Effizienz und Bequemlichkeit der digitalen Kommunikation meiden wir zunehmend den direkten Kontakt mit realen Personen, ja, den Kontakt mit dem Realen überhaupt. Bestehende Meinungen werden verfestigt, die Realität außerhalb der eigenen Filterblase verdunkelt. Die Fähigkeit, sich auf etwas Neues, Fremdes einzulassen, nimmt dadurch ab.“
Auf der anderen Seite wurde uns im Mutterleib, hoffentlich muss man allerdings sagen, ein Vertrauen in das Leben mitgegeben, das es dann als Berufung zu leben gilt.

Martin Buber meinte einmal: „Die Verbundenheit im Mutterleib mit dem Leben ist so welthaft, dass es wie das unvollkommene Ablesen einer urzeitlichen Inschrift anmutet, wenn es in der jüdischen Mythensprache heißt, im Mutterleibe wisse der Mensch das All, in der Geburt vergesse er es.“
Aber genau darum geht es, dieses Wissen der Verbundenheit, des Wissens um das All, das Leben, den Wagemut für das Leben hinzustehen, nicht zu vergessen. Selbst wer diesen Mut mit der Muttermilch nicht bekommen hat, kann sich später seiner Berufung bewusst werden und durch ein ehrliches Verhalten zu sich selbst, denselben Mut gewinnen, den andere schon im Mutterleib mitbekommen haben.

Die Lesung jedenfalls insistiert darauf, dass Jeremia schon im Mutterleib ausersehen, geheiligt und bestimmt war, und das soll er jetzt nicht vergessen. Er soll seine Berufung als Prophet nicht vergessen. „Du aber gürte dich, tritt vor sie hin und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage! Erschrick nicht vor ihnen! … Ich selbst mache dich zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur bronzenen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester, gegen die Bürger des Landes. Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“
Prophet wird man nicht auf einem kirchlichen Dienstweg, man wird es auch nicht, weil man es gerne möchte oder sich gar für einen Propheten hält. Man wird es durch Berufung, indem man sich auf sein Wesen besinnt.
Wer bedenkt heute noch, dass er zu einer Aufgabe berufen ist, die ihm nicht zuletzt Sinn und Würde in seinem Leben geben würde?

Zurück zu Jeremia: Berufung ist immer auch Gottes Sache. Er hat das erste und das letzte Wort: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen …“. Die Gottesbeziehung ist die innere Achse der Berufung. Dabei ist es nicht immer ein Vergnügen seiner Berufung zu folgen. Jedenfalls hier bei Jeremia nicht. Genauso wenig wird da nach unseren Wünschen gefragt. Der Vollzug unserer Berufung, als Vollzug des Glaubens, hat mit Gott zu tun und nicht mit unseren Bedürfnissen oder einer egoistischen selbstzentrierten Selbstbestimmung.
Jesus erfuhr seine Berufung bei der Taufe und verfestigte sie in der Lektüre der Heiligen Schriften. Heute liest er eine Stelle und bezieht Stellung: „Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“
Bei der Diakonenweihe wird zu den zu Weihenden gesagt: „Was du liest, erfasse im Glauben, was du glaubst, verkünde, was du verkündest, erfülle mit Leben.“ Genau das tut Jesus hier. Er füllt das verkündete Wort mit seinem Leben.
Wir können bei Jesus annehmen, dass er seine Berufung schon im Mutterleib erfuhr. Bei der Empfängnis erfuhr Maria durch die Worte des Engels: „Dein Sohn wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vater David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“

Was wissen wir, welche Worte über uns am Anfang gesprochen wurden? Es stimmt, was Ignatius von Loyola einmal sagte: „Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm nur zur Verfügung stellen würden.“ Dieses „zur Verfügung stellen“ ist die größte Herausforderung an unser Leben, denn davon hängt unser Lebensglück ab.
Aus der Berufung erwächst die Sendung, die Gemeinschaft oder der Widerstand sowie letztlich die tiefste Sinnhaftigkeit unseres Lebens. (FN)

GEDANKEN ZU 1 KOR 7,17-23 UND JOH 1,9-14

Das vergangene Jahr 2021 hat uns in die Gefangenschaft von Covid-19 gebracht. Das Gefühl von Unsicherheit, gesundheitlicher Bedrohung, der Wahrnehmung unserer individuellen, biologischen und sozialen Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, hat uns ergriffen. Wie damit umgehen?
Nicht nur seit der bevorstehenden Impfpflicht, sondern zuvor schon gab es Zusammenstöße zwischen dem mehrheitlichen Schutzbedürfnis und Sicherheitsanspruch an den Staat und einem wütenden Freiheitsbedürfnis und Freiheitsanspruch gegen den Staat. Wobei der Freiheitsbegriff stark auf einer Ablehnung von Regeln und Beschränkungen beruht und eine eigene Verantwortung für die Bekämpfung der Pandemie ablehnt. Im Gegenteil vertrauten auch die Impfgegner darauf, dass sie im Krankheitsfall in den Krankenhäusern behandelt werden würden.

Wie mit dieser Situation umgehen, steht doch auch der Friede in der Gesellschaft als Herausforderung auf dem Spiel. Wenig hilfreich ist es, die eine oder andere Partei zu kriminalisieren, derart, dass alle, die einer Zwangsimpfung skeptisch gegenüberstehen, Querdenker oder gar Terroristen benannt werden, die eine ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzen wollen und eine Rückkehr zu einem normalen freien Leben verhinderten, während die andere Seite schnell von einer Corona-Diktatur spricht, sooft Regeln für die Überwindung der Pandemie aufgestellt werden. Letztlich muss es darum gehen, nicht Personen zu bekämpfen, sondern das Virus, was wohl alle Seiten wollen.

In der ganzen Problematik geht es um ein gutes Verständnis von Freiheit und dem Dienst an kranken und erkrankten Menschen, im medizinischen wie im sozialen Bereich. Die Erfahrung aus der ersten Welle, dass Sterbende von ihren Angehörigen nicht mehr begleitet werden konnten, dass selbst Beerdigungen eingeschränkt waren, liegt noch wie ein Trauma auf manchen Angehörigen.

Was den Freiheitsbegriff anbelangt, greife ich zunächst auf die gehörte Lesung zurück. Paulus gilt ja als der Apostel, der die Freiheit sehr hoch einschätzte. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“, schreibt er im 2. Korintherbrief (2 Kor 3,17).
Unsere Lesung beginnt mit dem Satz: „Im Übrigen soll jeder so leben, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Das ist meine Weisung für alle Gemeinden.“ Wie Gottes Ruf ihn getroffen hat. Paulus redet hier von keiner äußeren Freiheit, sondern von einem Akt des im Inneren getroffen seins, von einer Berufung, von einem inneren Kern, den es unter allen Umständen zu leben gilt. Deswegen kann er auch sagen: „Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon!“
Paulus weiß, er kann den Sklavenstand nicht abschaffen, aber auch innerhalb des Sklavenstandes kann ein Mensch dem Ruf Gottes treu bleiben. Allerdings ermutigt er jeden, aus Berufen, die versklaven, auszusteigen. Er verweist auf Jesus, der uns ein Leben aus einer Treue zu seiner Berufung vorgelebt hat: „Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden“ und fügt als Mahnung hinzu: „Macht euch nicht zu Sklaven von Menschen!“ Das tat Paulus selbst nie. Seine Tätigkeit empfand er nicht wie ein freies Entscheiden, sondern als ein Getriebenwerden, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. So schreibt er im 1. Korintherbrief: „Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16).
Seine Freiheit ist rückgebunden an den Ruf Gottes. Frei sein ist immer ein Beziehungsgeschehen. Aus dieser Bindung an den Ruf Gottes geht Paulus die Probleme des Lebens an.

Was kann uns dies für unser Freiheitsverständnis geben? Zunächst einmal geht es nicht darum, für was und gegen was ich bin, sondern darum, was ich als meine Aufgabe, meine Berufung bekenne, anerkenne. Darin liegt das Fundament aller Freiheit geborgen. Dann gilt es zu handeln. „Es kommt darauf an, die Gebote Gottes zu halten“, sagt da unsere Lesung.

Es gibt für die Bekämpfung des Covid-19-Virus keine absolut Erfolg versprechende Methode. „Wir irren uns empor“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Alena Buyx. Aber eine Regierung muss regieren, Entscheide fällen. Wo diese im Parlament besprochen, diskutiert und angenommen werden, da haben sie ihre Berechtigung. Das unterscheidet eine Demokratie von einer Tyrannei. Über 100.000 Coronatote im unserem Land sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings müssen demokratisch gefällte Entscheide auch so kommuniziert werden, dass sie für alle zur Einsicht kommen können und so angenommen werden. Dass es immer eine – letztlich kleine – Gruppe von Uneinsichtigen gibt, kann in einer Demokratie verkraftet werden.
Allerdings ist ein Freiheitsbegriff, der nicht für die Folgen seiner Handlung eintritt, abzulehnen. All die Argumente aus Verschwörungstheorien haben nichts mit einer Berufung zu tun, sondern eher mit einem Egoismus, der die Folgen ausblendet. Wer seine individuelle Freiheit voll ausleben will, setzt ein funktionierendes Gesundheitssystem voraus, dass Hilfen im Notfall funktionieren.

Auf der anderen Seite braucht der Staat kritische Bürger, die ihre Freiheiten verteidigen und sie ins Gespräch bringen. Freiheit muss begriffen werden als eine vernünftige Einsicht in die Notwendigkeiten verantwortlichen Handelns und in Solidarität mit den Schwächsten, um einer gemeinsamen Zukunft willen.
Gerade dieser Punkt wurde bei der ersten Coronawelle vernachlässigt. Wenn Sterbende nicht mehr begleitet werden können, wenn Tote nicht mehr im Kreis der Geliebten beerdigt werden können, dann ist der Punkt der Solidarität und der Geschwisterlichkeit gekippt und die göttliche Berufung, die darin besteht, dass es Hungrige zu sättigen, Kranke zu besuchen und Tote zu beerdigen gilt, nicht mehr wahrgenommen.

Freiheit ist nicht nur eine Einsicht in Notwendigkeiten, sondern auch ein schonungsloser Einsatz für Humanität und Mitmenschlichkeit. Dazu befähigt uns ein Glaube, wie er im Evangelium umschrieben wird: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und dieses Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut.“ (FN)