TOTEN-GEDENKEN

Wir gedenken
der Völker, die durch Krieg gelitten haben.
Wir gedenken ihrer Bürger, die verfolgt wurden und ihr Leben verloren.
Wir gedenken der Gefallenen der Weltkriege.
Wir gedenken der Unschuldigen,
die durch Krieg und Folgen des Krieges
in der Heimat,
die in Gefangenschaft und bei der Vertreibung
ums Leben gekommen sind.
Wir gedenken der Millionen ermordeter Juden.
Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma.
Wir gedenken aller, die umgebracht wurden
wegen ihrer Abstammung, ihrer Homosexualität
oder wegen Krankheit und Schwäche.
Wir gedenken aller Ermordeten, deren Recht auf Leben geleugnet wurde.
Wir gedenken der Menschen, die sterben mussten
um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen.
Wir gedenken aller,
die Opfer der Gewaltherrschaft wurden und unschuldig den Tod fanden.
Wir gedenken der Frauen und Männer,
die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft ihr Leben opferten.
Wir ehren alle, die eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.
Wir gedenken aller Frauen und Männer,
die verfolgt und ermordet wurden,
weil sie sich totalitärer Diktatur nach 1945 widersetzt haben.

(Inschrift an der Neuen Wache, Berlin)

November 2019

Beim UN-Klimagipfel im September sagte die schwedische Klima-Aktivistin
Greta Thunberg Folgendes:

„Meine Botschaft ist, dass wir Euch beobachten! Das hier ist alles falsch;
ich sollte nicht hier sein, ich sollte zurück in der Schule sein auf der anderen
Seite des Ozeans – aber Ihr kommt immer noch zu uns jungen Menschen,
um Euch Hoffnung zu geben!“
„Wie konntet Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen
mit Euren leeren Worten? Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens,
und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von
einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum – wie könnt
Ihr es wagen?“
„Wenn Ihr die Situation wirklich verstehen würdet und uns immer noch
im Stich lassen würdet, dann wärt Ihr grausam, und das weigere ich
mich zu glauben. Wie könnt Ihr es wagen zu glauben, dass man das
lösen kann, indem man so weitermacht wie bislang – mit ein paar technischen
Lösungsansätzen?“
„Ihr seid immer noch nicht reif genug zu sagen, wie es wirklich ist. Ihr
lasst uns im Stich. Alle kommenden Generationen haben Euch im Blick,
wenn Ihr Euch dazu entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann entscheide
ich mich zu sagen: »Wir werden Euch das nie vergeben! Wir werden
Euch das nicht durchgehen lassen.«“
„Genau hier ziehen wir die Linie. Die Welt wacht auf, und es wird Veränderungen
geben, ob Ihr es wollt oder nicht.“

Oktober 2019

Ich glaube
an Gott

und ganz automatisch
die Worte

„den Vater den Allmächtigen“
schließlich

lange genug gelernt
man weiß ja

was man zu sagen hat
ich glaube

an Gott
natürlich

glaube ich an Gott
der Gottesdienst

ist mir wichtig
das Gebet vor dem Schlafengehen

und viele schöne Erinnerungen
und natürlich

gibt es ein Kreuz in meiner Wohnung
ich glaube

an Gott
aber

glaube ich
Gott auch

ich habe dich
bei deinem Namen gerufen

du bist
mein

und du
wirst leben in Ewigkeit

und leben
in Fülle

und du wirst
das Kreuz auf dich nehmen

wenn du
mir nachfolgst

und ich werde
bei dir sein

vielleicht
ist es ein bisschen einfacher

an Gott
zu glauben

als

Gott zu glauben

Andrea Schwarz

Wenn alles um uns herum zusammenzubrechen scheint
in Unrecht und Chaos,
dann, Schöpfer Gott, lehre uns, dich zu lieben
und zu erkennen, dass du die Welt sanft in deinen Händen hältst.
Wenn wir nicht mehr wissen, was wir tun und wohin wir uns
wenden sollen,
lehre uns, deiner Weisheit zu vertrauen,
damit wir deine Gegenwart in den Ereignissen erkennen,
die um uns herum geschehen.
Wenn wir nicht vergeben können und auf Rache sinnen,
lehre uns, deine Empfindsamkeit wahrzunehmen
und ebenso deine Bereitschaft, uns alles zu vergeben,
was wir falsch gemacht haben.
Wenn Gewalt, Furcht und Hass uns zu überwältigen scheinen,
lehre uns, dein Erbarmen anzunehmen,
und lenke unser Leben auf die Wege der Gerechtigkeit und
des Friedens.
Wenn wir denken, dass wir allein unseren Weg gehen können,
lehre uns, dass wir von deiner Gnade abhängig sind,
damit wir mit Geduld und Hartnäckigkeit diese Welt grundlegend
verändern.
Aber vor allem, lehre uns, dankbar für deine Güte zu sein,
denn in dir haben wir neues Leben!

(Aruna Gnanadason, Indien)

Niemand sucht aus

Man sucht sich das Land
Seiner Geburt nicht aus,
und liebt doch das Land
wo man geboren wurde.

Man sucht sich die Zeit nicht aus,
in der man die Welt betritt,
aber muss Spuren hinterlassen.

Seiner Verantwortung
kann sich niemand entziehen.

Niemand kann
seine Augen verschliessen,
nicht seine Ohren,
stumm werden
und sich die Hände abschneiden.

Es ist die Pflicht von allen
zu lieben.
Ein Leben zu leben,
ein Ziel zu erreichen.
Wir suchen den Zeitpunkt nicht aus,
zu dem wir die Welt betreten,
aber gestalten können wir diese Welt,
worin das Samenkorn wächst,
das wir in uns tragen.

Gioconda Belli